
Weltfrauentag.
Für manche Feiertag. Für andere Kampftag.
Für mich ist er ein Anlass zur Reflexion – ein Moment, in dem ich den Schritt vom Kampfmodus zur Klarheit bewusst vollziehe.
Nicht darüber, was „die Männer“ falsch machen.
Nicht darüber, was „die Frauen“ noch alles erkämpfen müssen.
Sondern darüber, wie ich geworden bin, wer ich heute bin.
Und was ich bewusst weiterentwickeln möchte.
Es lohnt sich, Themen wie Rollenbild, Selbstwahrnehmung und Beruf immer wieder neu zu beleuchten. Weil wir uns verändern. Weil sich Gesellschaft verändert. Und weil Entwicklung kein abgeschlossener Zustand ist.
Meine Oma – eine Königin in der Baubranche
Weibliche Stärke hatte für mich früh ein Gesicht.
Meine Oma leitete ein Bauunternehmen – Jahrgang 1921. Für diese Zeit außergewöhnlich. Mein Opa, Stuckateur, nannte sie „Königin Elisabeth“.
Sie hatte eine gescheiterte Ehe hinter sich mit einem Kind, baute neu auf, heiratete meinen Opa und bekam meine Ma, übernahm Verantwortung, führte. Klar. Durchsetzungsstark. Unerschrocken.
Und gleichzeitig – aus heutiger Sicht – oft hart.
Unsensibel. Unwirsch.
Fast trotzig in ihrer Art.
Sie lebte Stärke.
Aber sie lebte sie in einer sehr männlich geprägten Energie.
Damals konnte ich das nicht einordnen. Heute verstehe ich: Wenn Frauen in einer Welt bestehen, die lange männlich definiert war, übernehmen sie oft genau diese Energie. Manchmal im Übermaß.
Meine Oma war beeindruckend. Und sie zeigte mir früh: Führung bedeutet nicht automatisch Balance.
„Du musst gar nichts.“
Und dann meine Mutter. Als Kind wurde ich gefragt, ob ich vor der Autofahrt noch mal zur Toilette müsse – mein Bruder nicht.
Aber wenn jemand sagte: „Oh, wie süß, komm mal auf meinen Schoß“, schaute ich meine Mutter an. Und sie sagte klar: „Nur, wenn Du magst. Du musst gar nichts.“
Das war Selbstbestimmung. Kein Kampf. Kein Drama. Einfach Klarheit.
Dieses Gefühl ist geblieben.
„Die Klügere gibt nach.“
In meiner Jugend war da trotzdem ein anderer Satz präsent:
„Die Klügere gibt nach.“
Sei nicht schwierig.
Sei verbindend.
Sei harmonisch.
Ich habe gelernt, Konflikte zu vermeiden. Mich eher zurückzunehmen. Sie auszuhalten. Die Situation zu beruhigen.
Und gleichzeitig gab es da noch eine andere Botschaft.
„Das gehört sich nicht.“
„So macht man das nicht.“
So entwickelte sich etwas, das viele Frauen kennen: ein ständiges Austarieren zwischen Anpassung und Klarheit.
Damals war ich allerdings noch eher im Kampfmodus. Nicht ruhig und klar. Nicht in innerer Balance. Sondern auf der Suche nach dem „Bösen“ im Außen – nach den Erwartungen, den Grenzen, den Normen, die mir auferlegt wurden. Ich wollte beweisen, dass ich alles allein schaffen kann. Stark, unnahbar, unerschütterlich.
Einerseits wollte meine Mutter, dass ich taff bin. Dass ich mich nicht unterkriegen lasse.
Andererseits gäbe es klare Erwartungen – vor allem ihre.
Gut erzogen sollte ich sein.
Hübsch.
Höflich.
Und gleichzeitig selbstbewusst.
Anpassungsfähig – aber nicht schwach.
Durchsetzungsstark – aber bitte nicht zu laut.
Damals habe ich einfach versucht, all dem gerecht zu werden.
Heute kann ich sagen: Eine ganz schön anspruchsvolle Mischung für eine junge Frau.
Als mir ein Muster ins Gesicht sprang
Erst viele Jahre später, als ich längst als Coach arbeitete, begann ich dieses Muster wirklich zu erkennen. Nicht nur bei mir – auch bei anderen Frauen.
Ein Erlebnis ist mir dabei besonders im Gedächtnis geblieben:
Bei einem großen Trainer- und Coachtreffen wurden wir in Arbeitsgruppen eingeteilt. Männer und Frauen gemischt. Anteilig waren deutlich mehr Frauen in jeder Gruppe.
Während der Gruppenarbeit wirkten viele Männer fast desinteressiert, beteiligten sich kaum, telefonierten. Doch als es an die Präsentation der Ergebnisse ging, präsentieren überwiegend die Männer. Selbstverständlich. Ohne Diskussion. Ohne Vorbereitung.
Die Frauen hatten gearbeitet, moderiert, Argumente eingebracht – und dennoch standen die Männer am Ende vorne und nahmen den Raum ein.
Dieses Erlebnis hat mir klar gezeigt, wie tief verankert bestimmte Rollenmuster noch sind – auch in modernen Arbeitskontexten.
Und wie viel Energie Frauen oft investieren, um Harmonie und Ergebnisse zu sichern, während Männer sie fast selbstverständlich präsentieren.
Der Fehler liegt bei mir
In meiner Arbeit begegnet mir ein Satz immer wieder: „Ich bin nicht gut genug.“
Eine Frau probiert eine Hose an, sie sitzt nicht – „Ich bin zu dick.“
Ein Mann probiert eine Hose an, sie sitzt nicht – „Was ist das für ein Schnitt?“
Viele Frauen haben gelernt, den Fehler zuerst bei sich zu suchen. Sich zu optimieren. Sich anzupassen.
Viele Männer haben gelernt, nach außen zu gehen. Raum einzunehmen. Sich nicht infrage zu stellen.
Beides sind Prägungen. Keine Naturgesetze.
Gleichberechtigt heißt nicht gleichgemacht
Ich schaue auf den Weltfrauentag mit Ambivalenz.
Ja, wir dürfen in Deutschland viel. Wir gestalten Unternehmen. Wir führen. Wir entscheiden. Wir leben eigenständig.
Und doch: Übergriffe passieren. Grenzen werden verletzt. Im öffentlichen Raum fühlen sich Frauen nicht überall sicher. In Führungspositionen ist noch Luft nach oben. Und der Satz „Für eine Frau macht sie das ganz gut“ – der fällt immer noch. Ob bewusst oder nicht – er zeigt, dass Frauen in Verantwortung oft nicht nach Leistung bewertet werden. Sondern nach Geschlecht.
Das macht mich nachdenklich.
Und gleichzeitig glaube ich nicht, dass Gleichberechtigung bedeutet, Rollen zu tauschen. Oder Sprache so weit zu zerlegen, bis sie niemand mehr versteht. „Lehrer“ ist eine Berufsbezeichnung – kein Angriff, kein Ausschluss. Gleichwertigkeit entsteht im Bewusstsein. Nicht im Sternchen.
Meine Haltung: Wir brauchen keinen Kampf der Geschlechter. Wir brauchen mehr Bewusstsein – füreinander, miteinander.
Frau bleiben. Mensch sein
Ich möchte Frau bleiben. Ich mag es, wenn mir die Tür aufgehalten wird. Ich mag es, mich anlehnen zu können. Ich mag Schutz.
Früher war ich stark im Kampfmodus. Ich wollte beweisen, dass ich alles alleine schaffe. Unabhängig. Unantastbar. Das ist anstrengend.
Heute sehe ich innere Balance eher wie ein Orchester: Jede Qualität hat ihren Platz, ihre Lautstärke, ihren Rhythmus. Wenn alles gleichzeitig dominant sein will, entsteht Chaos. Chaos bedeutet zwar Neuordnung, bedeutet aber auch immer wieder neu; und das ist anstrengend. Wenn jedoch jede Qualität bewusst gespielt wird, entsteht Kraft – und Leichtigkeit.
Selbstbestimmung bedeutet für mich auch, zu erkennen, wo ich meine Freiheit wirklich leben will – und wo ich bewusst Grenzen setze. Ich könnte theoretisch nackt auf die Straße gehen – das wäre eine extreme Form der Selbstbestimmung. Aber ich weiß, dass damit Reaktionen ausgelöst würden, die ich nicht möchte. Diese Abwägung zeigt mir: Selbstbestimmung ist nicht nur Freiheit, sondern auch Bewusstsein und Verantwortung für mich selbst.
Welche Qualitäten darf ich nutzen – und wo kann ich lernen?
Ich glaube, jeder Mensch trägt Qualitäten in sich, die genutzt werden dürfen.
Frauen können (oft) verbinden, gestalten, aufeinander achten – ohne dass das festgeschrieben ist.
Männer können (oft) schützen, führen, bewegen – ebenfalls ohne feste Regeln.
Doch es gibt Frauen mit sehr viel männlicher Energie – und Männer mit viel weiblicher Energie. Beides im Übermaß wirkt befremdlich. Balance macht die Kraft aus.
Und gleichzeitig ist es eine wertvolle Frage, dich ich mir immer wieder stelle: Hat mein Gegenüber etwas, das ich auch gern hätte? Oder habe ich selbst etwas im Übermaß, was mich bei meinem Gegenüber stört?
Für mich liegt darin die eigentliche Freiheit: nicht im Kampf, nicht im Perfektionismus, sondern im bewussten Umgang mit den eigenen Qualitäten – und denen des Gegenübers.
Fazit: Stolz auf die Entfaltung von Qualitäten
Es erfüllt mich mit Freude und Stolz zu sehen, wie Menschen – Frauen und Männer – lernen, ihre eigenen Qualitäten bewusst zu leben.
Nicht um jemand anderem etwas wegzunehmen.
Nicht aus dem Drang, Rollen zu tauschen oder Erwartungen zu erfüllen.
Stark sein bedeutet nicht, andere zu überstrahlen.
Verbindend sein bedeutet nicht, sich selbst aufzugeben.
Führen bedeutet nicht, dominant zu sein.
Fürsorglich sein bedeutet nicht, schwach zu sein.
Jeder Mensch trägt Fähigkeiten in sich, die genutzt werden dürfen – mal mehr die führende, mal mehr die gebende Energie.
Die Kunst liegt darin, im Gleichgewicht zu bleiben, Extreme zu vermeinen und die eigenen Stärken bewusst einzusetzen.
Wenn Menschen bei sich bleiben und ihre Qualitäten entfalten, entsteht mehr Klarheit, mehr Leichtigkeit und mehr Kraft – für sie selbst und für andere.
Dieses bewusste Ausbalancieren ist für mich die eigentliche Entwicklung, auf die wir stolz sein dürfen: Nicht, weil wir alles perfekt beherrschen, sondern weil wir lernen, uns selbst zu kennen, zu reflektieren und authentisch zu handeln.
Wenn Dich diese Gedanken bewegt haben, freue ich mich, wenn wir in Kontakt bleiben.
In meinem Newsletter schreibe ich über das, was mich beschäftigt: Rollenbilder, Selbstwahrnehmung, Führung – und die kleinen, feinen Verschiebungen, die den Unterschied machen.
Kein Rauschen. Nur das, was ich wirklich denken möchte.
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Mach’s hübsch 💕.
4 Kommentare
Autor
Liebe Stella,
wie toll, dass mein Bild hängenbleibt und Dich zum Schmunzeln bringt ;-)).
Dir auch ein herrlich entspanntes Wochenende.
Lieben Gruß NinaLiebe Nina,
das Beispiel mit der Hose ist einfach köstlich, vielen Dank dafür. Ich musste echt schmunzeln und gleichzeitig bleibt mir natürlich das Lachen im Hals stecken – der Fehler liegt bei mir, so denkt die Frau, wohingegen der Fehler eindeutig bei der Hose liegt, so denkt der Mann – du hast es mit deinem Beispiel einfach großartig auf den Punkt gebracht.
Ich wünsche dir auch ein herrlich sonniges Wochenende.
Alles Liebe
StellaAutor
Liebe Stephanie, das ist ein schöner Wunsch – da bin ich dabei!
Deinen Artikel lese ich auf jeden Fall.
Dir ein herrlich sonniges Wochenende.
Lieben Gruß NinaLiebe Nina, danke für diese inspirierenden Gedanken zum Weltfrauentag. Meine Omis sind auch nach außen hart geworden, weil sie sich so oft durchsetzen mussten. Ich wünsche mir, dass wir es schaffen, dieses Gleichgewicht zwischen dem Weiblichen und Männlichen in unserer Gesellschaft Schritt für Schritt mehr zu leben.
Meinen Artikel zum Weltfrauentag werde ich morgen veröffentlichen.
Liebe Grüße
Stephanie